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©Philipp Heinisch

Vom 8. bis 10. September 2017 veranstaltet das Nordkolleg in Zusammenarbeit mit Christoph Schmitz-Scholemann, Richter am Bundesarbeitsgericht a.D. und Vorsitzender des Thüringer Literaturrats e.V. sowie Martin Roeber, ehemaliger Rechtsredakteur beim SWR und freier Musikkritiker, die neunte Tagung zum Themenkreis »Literatur und Recht«. Seit 2001 nehmen an der von Prof. Dr. Hermann Weber begründeten Tagung alle zwei Jahre namhafte Wissenschaftler zu aktuellen Kontroversen und Erkenntnissen im Grenzgebiet von Kunst und Recht Stellung. Ebenfalls im Brennpunkt stehen literarische und musikalische Kunstwerke von und über Juristen. In diesem Jahr wird außerdem erstmals eine Gruppe von Jura-Studenten der Universität Erlangen das Tagungsprogramm mitgestalten.

Die Causa BöhmermannCharlie Hebdo oder provozierende Beleidigungen durch Gangsta-Rapper haben exemplarisch vorgeführt, wie Literaten, Karikaturisten und Musiker gesetzliche Grenzen und Normen bewusst austesten und überschreiten. Unter dem Titel »Grenzüberschreitungen: Recht, Normen, Literatur und Musik« widmet sich die Tagung diesem Thema aus den unterschiedlichsten Perspektiven: informativ, diskursiv, spannend und unterhaltsam.

 

Den Flyer zur Tagung können Sie hier herunterladen.

Die Anmeldung finden Sie hier.

 

Termine: 08.09. - 10.09.2017

Anmeldeschluss: 20.08.2017

Seminargebühr: 255 € (190 € ermäßigt) zzgl. 100 € Ü/V

 

Die Tagung beginnt mit einem strafrechtlichen Blick auf eine, bei der heranwachsenden Generation äußerst populäre Textform, die für viele Menschen ein Zeichen kommunikativer Verrohung darstellt: Der Erlanger Rechtswissenschaftler Dr. Mustafa Temmuz Oglakcioglou fragt nach der Kunstfreiheit am Beispiel des sogenannten »Gangsta-Rap: Lyrische Kunstform oder strafwürdiges Verhalten? Als Beweismaterial für die als glorifizierende Loslösung von Recht und Gesellschaft empfundenen Grenzüberschreitungen dienen Hörproben und Videoschnipsel.

Ergänzend dazu präsentieren Studierende eines Seminar von Dr. Oglakcioglou am zweiten Tag ihre Ergebnisse aus dem Proseminar "Elterlicher Hinweis - Harte Texte oder strafbare Inhalte?", in welchem die Teilnehmer Texte verschiedener Genres strafrechtlich begutachten.

Der Strafrechtler und Richter Prof. Dr. Klaus Tolksdorf, Präsident des Bundesgerichtshofs a.D., wird anschließend mit seinen persönlichen Erfahrungen zum Thema "Strafrecht, Literatur und die Rechtsprechung des BGH" die Diskussion eröffnen.

Die Frankfurter Rechtsanwältin Gabriele Rittig berät seit vielen Jahren das Satiremagazin Titanic: Den Grenzbereich zwischen Kunstfreiheit, Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrecht hat sie ausgiebig vermessen. Die spannenden Auseinandersetzungen, in die ein Satiremagazin zwangsläufig verstrickt ist, wird sie in ihrem Vortrag "Satire und Justiz" beleuchten und gewichten. 

Dass auch Komponisten bisweilen normative Grenzen überschreiten zeigt, RA Ulrich Fischer. Der Arbeitsrechtler, Kunst- und Musikexperte, widmet sich in seinem Vortrag zu Paul Hindemiths Oper "Neues vom Tage" pikanten Details: Der Opernliebhaber Adolf Hitler empfand die Arie einer Nackten in der Badewanne als höchst skandalös. Darüber hinaus hat Paul Hindemith in seiner Oper rechtliche Angelegenheiten auf der Opernbühne verhandelt.

Dr. med. André Michels, Psychiater und Psychoanalytiker in Luxemburg und Paris, wirft einen analytischen Blick auf Recht, Normalität und Normen, gespiegelt in der Literatur. Dass die Psychoanalyse sich immer wieder mir Grenzüberschreitungen befasst, gehört zu ihrer Profession.

RA Dr. Georg Sterzenbach hat sich Charles Dickens grandiosen Justizroman "Bleakhouse" vorgenommen. Er sieht in dem epochalen, von Arno Schmidt und Vladimir Nabokov gepriesenen Roman eine beißende Analyse der englischen Justiz im 18. Jahrhundert. Hier sorgt das Prozessrecht für die Pervertierung der materiellen Gerechtigkeit.

Martin Roeber schließlich widmet seinen Vortrag "Pierrot lunaire - Juristen pflastern seinen Weg..." einer völlig entgrenzten lyrischen Figur. Der Autor Albert Giraud, der Übersetzer O. E. Hartleben sowie der Komponist und Rechtsanwalt Max Kowalski waren alle juristisch vorbelastet.
Der Kurzvortrag mündet in eine Aufführung der "Pierrot-Lieder" Kowalskis - gesungen von einem Juristen.

Als "Dichterjuristen" konnten zwei, von ihrem Werdegang sehr unterschiedliche, Autoren gewonnen werden. Christian Bommarius, hat sich nach dem Studium der Rechtswissenschaft und der Germanistik dem Journalismus zugewandt. Nach etlichen Jahren als Korrespondent der Deutschen Presseagentur beim Bundesgerichtshof und beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe schreibt er heute als leitender Redakteur u.a. für die Berliner Zeitung. 2009 erschien seine viel gelobte "Biographie" des Grundgesetzes. Sein Buch "Manga Bell - der gute Deutsche" befasst sich mit dem Fall eines in den deutschen Kolonialismus verstrickten Justizmordes.

Dr. Tonio Walter ist Professor für Strafrecht an der Universität Regensburg, Richter am Oberlandesgericht Nürnberg und stellvertretendes Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes. Neben der strafrechtlichen Dogmatik beschäftigt er sich auch mit juristischer Stilkunde und Rhetorik. Neben seiner juristischen Tätigkeit schreibt er Belletristisches. 2005 erschien sein Roman »Polyphem« über die Liebe eines deutschen Marineoffiziers zu einer Engländerin im Zweiten Weltkrieg, 2015 ist die Novelle »Am sechsten Tag« erschienen, in der italienische Lebensart, Parapsychologie und detektivischer Spürsinn entscheidende Rollen spielen.

Die Tagungsleitung liegt in den Händen von Britta Lange (Nordkolleg), Martin Roeber und Christoph Schmitz-Scholemann. Das vollständige Programm kann über das Nordkolleg bezogen werden.